Die Bildzeitung und die "Ausländer-Kriminalität"
Axtimwal.de startet mit einem heiklen Thema, der sogenannten Ausländer-Kriminalität. Das Beispiel stammt vom 26.12.2007, nahe am Startpunkt der extrem irrationalen Diskussion über Jugendkriminalität, die im Vorfeld der Landtagswahlen Ende Januar 2008 stattfand und sich vor allem dank Roland Koch sehr schnell zur ausländerfeindlichen Hetze entwickelt hat.
Verpackt ist der Beitrag noch dazu in eine vorgebliche "Analyse" der Polizeilichen Kriminalstatistik 2006 (PKS). Die PKS ist freilich wie jede Statistik mit Vorsicht zu genießen (sie weist aber, zumindest in der Langfassung, eine beachtenswerte Transparenz auf), die Programmatik der zweifelhaften Statistikkritik des Bild-Beitrags ist allerdings nicht zu übersehen.
Ausschnitt eines Artikels auf bild.de vom 26.12.07 ->LINK

- Der Vorwurf, der Begriff "nichtdeutsche Tatverdächtige" sei Begriffs-Kosmetik begründet sich wohl allein darauf, dass dieser nicht so Schlagzeilen-/Propagandatauglich ist wie die gewünschte "Ausländerkriminalität". Dass man dieses Wort für passender hält ist auch semantisch falsch. Denn erstens geht es um Tatverdächtige, nicht um Täter, zweitens ist der Begriff "Ausländer" heikel zu definieren, während der Status "nichtdeutsch" ausschließlich darüber bestimmt wird, dass die betreffende Person keinen deutschen Pass besitzt. So wird einem auch leichter klar, dass es sich bei diesem Kreis von Verdächtigen eben nicht um eine homogene Gruppe handelt. Für die Reproduktion von ausländerfeindlichen Vorurteilen wünscht man sich aber nun mal den "Ausländer", mit dem sich leichter Klischees transportieren lassen. Nicht zu übersehen dabei auch, dass der Autor beklagt, dass eingebürgerte Ausländer als Deutsche behandelt werden.
- Grundsätzlich sollte man für Statistiken über Ausländerkriminalität auch noch andere Zahlen im Hinterkopf behalten: Die Bereitschaft, einen Ausländer anzuzeigen, ist höher als die einen Deutschen anzuzeigen. Außerdem wird nicht thematisiert, dass die Gruppe der Nichtdeutschen, die in Deutschland wohnen, eine andere Sozialstruktur aufweisen als die Gesamtmenge der Deutschen. Zum Beispiel die Arbeit von Jürgen Mansel (Die Selektion innerhalb der Organe der Strafrechtspflege am Beispiel von jungen Deutschen, Türken und Italienern, 1989) weist darauf hin, dass durch Bildung einer Vergleichsgruppe von Deutschen, deren Sozialstruktur mit der der Nichtdeutschen vergleichbar ist, die Unterschiede in der Kriminalitätsbelastung schwinden, näheres siehe auch Uni Konstanz 2002
- Was meint der Autor eigentlich damit, was uns die Statistik verschweigt? Alle Zahlen, die im Folgenden benutzt werden (es ist nur ein Ausschnitt des Artikels abgebildet, bitte den Link auf dem Bild benutzen), hat er der PKS entnommen und in den ihm opportunen Zusammenhang gestellt. Dass z.B. nicht erwähnt wird, dass der Anteil der Nichtdeutschen an der Gesamtzahl der Tatverdächtigen seit 1993 kontinuierlich rückläufig ist, überrascht auch nicht. Die PKS 2007, die im Moment nur in der Kurzfassung veröffentlicht ist, bestätigt diesen Trend.
Gleich der erste Beitrag bekommt das Prädikat "Besonders Verwerflich" für seine hemmungslose und gefährliche Stimmungsmache aus niederen Motiven.

Dass Roland Koch "ausländerfeindliche Hetze" betrieben habe, ist völliger Unsinn. Man würde Ihre Artikel vielleicht mit mehr Sympathie (oder zumindest bis zum Ende) lesen, wenn Sie zukünftig die Wortwahl auf ein normales Niveau anhöben. Blogger wie Sie plappern einfach die Phrasen ihrer Leitmedien nach, ohne sich selbst wirklich ein Bild gemacht zu haben, solange das Gesagte in die vorgefasste Meinung passt. Unseriös, peinlich und amateurhaft.
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Submitted by Anonymous on Do, 05/06/2008 - 00:31.Roland Koch-Interview in der Bild vom 28.12.08:
>>>Link
Einige Originalzitate von Roland Koch (Bitte auch auch den ganzen Artikel lesen, der Kontext relativiert diese Aussagen aber nicht wirklich):
Noch Fragen? Diese Zitate bedienen eindeutig xenophobe Einstellungen.
Koch spricht von Gruppen, "die bewusst als ethnische Minderheiten Gewalt ausüben", er unterstellt also eine Verschwörung zur kriminellen Unterwanderung Deutschlands. Das ist an sich schon und im Bezug auf Gewalttaten wie den hier im Hintergrund stehenden U-Bahn-Überfall äußerst lächerlich: Gewalttäter werden als tierhaft und dumpf dargestellt und gleichzeitig werden ihnen politische Motive und Verschwörung untergeschoben? Bravo, wir gratulieren Herrn Koch zu seiner Micky-Maus-Röntgenbrille zur Seelenbeschau.
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Submitted by axtimwal.de on Do, 05/06/2008 - 08:37.Um dem Betreiber dieses Blogs zur Seite zu springen: Semantisch betrachtet haben Sie den Zusammenhang einfach nicht richtig erfasst und wesentlich zu früh beschlossen, ihre Sympathie nach drei Zeilen fahren zu lassen.
Es ist lediglich die Rede davon, dass hauptsächlich dank Roland Koch die Diskussion über Jugendkriminalität sich sehr schnell zur ausländerfeindlichen Hetze entwickelt habe, die eine solche Eigendynamik entwickelt hat, dass politische Trittbrettplauderer von ganz rechts ebenfalls ins Rampenlicht treten durften; das ist von jedwedem objektiven Gesichtspunkt aus nicht zu verneinen.
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Submitted by Anonymous on Do, 05/06/2008 - 09:16.Danke sehr.
Ich hatte selber gar nicht mehr daran gedacht, dass ich mich ja eh so vorsichtig ausgedrückt habe. Aber inzwischen habe ich meinen Standpunkt zu Herrn Koch nachgereicht und er fällt - o Wunder - tatsächlich nicht sehr gut aus.
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Submitted by axtimwal.de on Do, 05/06/2008 - 09:42.4. Deutsche Staatsangehörige können nicht gegen das Aufenthaltsrecht oder Bestimmungen des Asylrechts verstoßen - in der PKS wird dies aber natürlich mitgezählt.
Ansonsten danke für den guten Artikel, schon bildblog.de-würdig.
Ergänzender Link:
http://www.stern.de/panorama/kriminalitaetsstatistik-nur-ein-zerrspiegel-der-realitaet-541543.html
Gruß, Bob
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Submitted by Bob_Ross_Is_King (nicht überprüft) on Do, 21/01/2010 - 15:22.Das Argument "Sozialstruktur" kombiniert mit den Basiswahrscheinlichkeiten ergibt schnell ein anderes Bild, als es die Bild-Zeitung vorgaukelt. In der Bild heißt es, nur ca. 8% seien Ausländer. Wenn man die Ausländeranteile mal nach Schulbildung aufschlüsselt, sieht das schon ganz anders aus. Zitat aus dem Tagesspiegel: "19,2 Prozent der ausländischen Schüler besuchten die Hauptschule, 13,8 Integrierte Gesamtschulen, 7,7 Prozent Realschulen. Nur 4,3 Prozent lernten in Gymnasien." Und wenn man weiterhin unterstellt, dass Menschen mit Abitur seltener straffällig werden, dann sind wir von 19,4 % nicht mehr weit entfernt
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Submitted by Anonymous (nicht überprüft) on Fr, 07/05/2010 - 13:34.