Umverteilung nach Wunsch & Das föderale Bildungssystem
Ein interessanter Beitrag diese Woche in "Nano" auf 3sat über Lobbyarbeit an Schulen: Zum Thema auf 3sat online.
Unternehmen bieten Schulen Unterrichtsmaterialien an, die durch Geldmangel empfänglicher geworden sind. Problematisch wäre dies auch schon, wenn es sich nur um Materialien handeln würde, die ohnehin von Schulen gekauft werden, sprich um normale Schulbücher, die einfach einen Werbeaufdruck einer Firma erhalten, damit sich die Firmen ihren Namen oder ihre Marken bei den Jungkonsumenten bekannt machen können.
Richtig fragwürdig wird es aber, wenn es sich um speziell hergestellte Imagekampagnen handelt, mit denen die Firmen ihre Aussendarstellung beherrschen wollen, als besonders sozial oder umweltfreundlich dastehen wollen.
Und nochmal mehr Grund zum Aufhorchen gibt es, wenn man, wie in dem Nano-Beitrag präsentiert, Materialien verbreitet, die Fakten verdrehen oder Ideologien transportieren wie ein Arbeitsblatt, das die gerade in Deutschland stetig immer weiter auseinanderklaffende Einkommensschere ignoriert und eine Umverteilung von Oben nach Unten zur alleinigen Wahrheit erklärt.
"In Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise bekamen viele Lehrer eine Broschüre über soziale Gerechtigkeit. Sie wollte den Schülern beibringen, dass eine Umverteilung in Deutschland von Oben nach Unten existiert.
3sat.online - Link zur Quelle siehe oben
P.S.
Nun möchte ich noch einen Gedankensprung zu einem anderen Thema vollziehen: Es handelt sich um etwas qualitativ natürlich deutlich vom obigen Thema abzusetzendes aber dennoch um etwas, das zumindest bei mir sehr ähnliches Unbehagen hervorgerufen hat. Ein allgemeines Unbehagen über den Zustand des Bildungssystems und v.a. auch seines Standes in der Gesellschaft: Im Buchgeschäft wird sie mit einer Standdekoration präsentiert, die T-Shirts in Babygröße mit der Aufschrift "Abitur 2026" darstellt. Es handelt sich um eine Lehrbuchreihe des Klett-Verlags unter dem Motto "Ich komme ins Gymnasium!" (weblink hier).
Damit sollen die Chancen von Grundschülern der 3. und 4. Klasse auf einen Übertritt zum Gymnasium optimiert werden. Der Verlag bietet, was sich viele Eltern (mit einigem Recht, wenn man die fortschreitende Entwertung aller Schulabschlüsse betrachtet) wünschen und sicher können die Materialien sinnvoll eingesetzt werden, wenn sie nicht mit Erwartungen und Ängsten überlastet werden. Es besteht aber natürlich auch die Gefahr, dass davon Hoffnungen geschürt werden und Leistungsdruck ausgeübt wird, der den Kindern nicht gerecht wird.
Außerdem lässt sich ja ein Mißtrauen zu den Leistungen der Institution Schule selbst herauslesen, sprich ihrer Fähigkeit, die Kinder individuell zu fördern und die Chance auf die für jedes einzelne Kind beste Ausbildung zu gewährleisten. Auch diese Vertrauenskrise kommt ja keineswegs aus dem Nichts. Je nach Bundesland entscheiden andere Instanzen über den Übertritt der Kinder. Seit Jahren wird in so gut wie allen Bundesländern mit den Schulformen herumexperimentiert, vor- und zurückgerudert, je nach Ideologie der herrschenden Parteien. Dabei richtet das ständige Wechseln und die Unsicherheit auf jeden Fall mehr Schaden an als ein bedächtiger und von breitem Konsens getragener, dafür langsamerer, Wechsel der Schulformen.
Was aber auf jeden Fall nicht gut sein kann, ist der föderalistische Flickenteppich, der Kindern bei einem Umzug in ein anderes Bundesland Energie und Chancen raubt. Im Grundgesetz (Art. 72 Abs.2) sind gleichwertige Lebensverhältnisse garantiert, aber ausgerechnet im Bildungsbereich, dem wichtigsten Bereich zur Förderung gleicher Entwicklungschancen, erlaubt der Föderalismus Auseinanderdriften. Schlimmer noch: Es wird (dann aber v.a. auf Universitäten bezogen) ein Wettbewerb der Länder im Bildungssektor beschworen.
