Konjunkturen der Risikowahrnehmung und Politik der Angst
Am 19. Juni 2008 war in der Wochenzeitung „Die Zeit“ ein bemerkenswerter Artikel zu lesen, der auch online verfügbar ist (=> zum Artikel).
„Die Konjunktur der Ängste“ von Ulrich Schnabel stellt dar, wie die Risikowahrnehmung in der Öffentlichkeit, abgeleitet vom Berichtvolumen in den Medien, schwankt, wie Themen kurz enorme Aufmerksamkeit erlangen, um dann wieder aus den Zeitungen und Fernsehberichten zu verschwinden. Man denke nur zum Beispiel an SARS, Vogelgrippe, BSE und Ozonloch. Eine absolute Leseempfehlung.
Im Rahmen meiner derzeitigen Arbeit habe ich auch ein Beispiel anzubieten, das Beachtung verlangt, nämlich Konjunkturen, die aus politischen Motiven verstärkt werden. Ängste der Bevölkerung werden gerade im Themenfeld der Kriminalität dadurch oft verstärkt, statt aufklärend behandelt zu werden. Man betrachte nur einmal den enormen Umfang der Diskussion und Berichterstattung über Jugendkriminalität im Zuge der U-Bahn-Gewalttaten um Weihnachten 2007 die eben gleichzeitig auch im Vorfeld der Landtagswahlen Ende Januar 2008 stattfand und dadurch enorm aufgeblasen wurde.
Die Medien machten bereitwillig mit und lieferten ein enormes Volumen zum Thema, ein sehr unvorsichtiger Umgang gerade mit den Ängsten, die sich mit der Jugendkriminalität ähnlich diffus verbinden wie mit der sogenannten „Ausländerkriminalität“. Dass die Diskussion blitzschnell von einer Jugend- in die Migrantendebatte umgesiedelt ist, kann manchen politischen Akteuren ja auch nur recht gewesen sein. Wenn man mit angeblich grassierender Jugendkriminalität Wahlkampf machen will, würde man ja indirekt Verfehlungen der deutschen Familienpolitik eingestehen. Das Problem der Kriminalitätsbelastung zu einem Problem Nicht-Deutscher zu machen (obwohl) bietet dagegen die Möglichkeit, andere Ursachen zu beschwören und vor allem auch noch eine leider oft öffentlichkeitswirksame „einfache“ Lösung anzubieten, nämlich Abschiebung.
Nach dem Ende der Wahlen wurde die Materie weitgehend fallen gelassen, was ein sehr guter Beleg für die These ist, dass tatsächlich die nahenden Wahlen ein entscheidender Faktor für den fast schon hysterischen Umfang der Artikel zum Thema war. Zur Veranschaulichung kann sich jeder leicht in den Online-Archiven der Zeitungen kundig machen. Nehmen wir einfach mal die Suche nach Artikeln, die zum Stichwort „Jugendkriminalität“ ausgespuckt werden, am Beispiel von faz.net und sueddeutsche.de (bei den anderen Zeitungen - ich habe mir noch taz und Die Welt angesehen - sieht es nicht anders aus). Und zwar vergleichen wir drei Zeiträume, nämlich vom 20.12.07 bis zum 27.1.08 (also dem Zeitraum zwischen dem U-Bahn-Überfall und den Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen) und dann noch als Vergleichszeiträume die fast zwölf Monate davor (also vom 1.1.07 bis zum 19.12.07) und die Anzahl der Berichte danach bis heute (also vom 28.1.08 bis zum 30.6.08)
Die Suche in den Onlineausgaben ist freilich recht grob (da Artikel aus Print- und Onlineausgabe zusammengeworfen werden), die Ergebnisse aber überwältigend genug, um dennoch eine deutliche Sprache zu sprechen:
Vom 1.1.07 bis 19.12.07 liefert die Suche bei sz 11 Ergebnisse, bei faz 4, in den Wochen des Wahlkampfs sind bei sz 90, bei faz 92 zu finden und in den vergangenen 5 Monaten sehen wir bei sz 35, bei faz 36. Das heißt, in den gerade einmal 5,5 Wochen vor den Landtagswahlen sind 182 Beiträge zu finden, in den insgesamt 72,5 Wochen davor und danach dagegen zusammen nur 86. Im Schnitt wurden also in der Zeit des Wahlkampfs pro Woche 33 Artikel veröffentlicht, in den Monaten vor dem U-Bahn-Überfall nur 0,3 und in den Monaten nach der Wahl nur 3,2 pro Woche. Von einem der Sensibilität dieses Themas angemessenen Umgang seitens Politik und Medien kann man also kaum reden.
Tabelle: Berichterstattung zum Thema "Jugendkriminalität" (Auswahlkriterien siehe oben). Erhebung und Interpretation durchgeführt durch Daniel Wagner am 04.08.2008

